bine1 swHNAonline-Interview vom 15.04.2008

Die Medienpädagogin Sabine Eder im Interview: Kinder können vom Internet profitieren

 

 



Das Thema: Viele Eltern sind unsicher, ob und wie sie ihr Kind ins Internet lassen sollen. Dabei sind bereits 95 Prozent deutschen Haushalte mit Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren online. Und viele Kinder tummeln sich in Netzwerken wie MySpace und SchülerVZ. Wir sprachen darüber mit der Medienpädagogin und Autorin Sabine Eder.

Warum ist es überhaupt zu empfehlen, dass Kinder das Internet nutzen?

Das Internet hat sich in den letzten Jahren zu einem alltäglichen Kommunikations-, Unterhaltungs- und Informationsmedium entwickelt. Wir buchen Urlaube, bestellen Bücher, schauen TV per Internet und die Kinder kriegen das natürlich auch mit und finden diese Tätigkeit der Erwachsenen meistens sehr spannend. Und das Internet hat auch speziell für Kinder einiges zu bieten, ob Hörgeschichten, Filme, Infos rund ums Hobby, Hausaufgabeninfos oder Spiel und Spaß. Weil das so ist, weil das Internet ein solch umfassendes Medium ist, ist es empfehlenswert und geradezu unerlässlich, dass auch Kinder es nutzen.

Aber nun hat das Internet auch eine ganze Menge ungeeigneter Seiten und problematischer Inhalte. Kinder gelangen, oft ohne dass sie es wollen, auf für sie bedenkliche Inhalte. Ihnen aus dem Grund den Zugang zu untersagen ist dennoch nicht angemessen. Der bessere und empfehlenswerte Weg ist es, Kindern Medienkompetenz zu vermitteln. Sie müssen lernen, mit Medien und ihren Inhalten umzugehen.

Weiterhin empfehlenswert sind Erkundungen des Internets, wenn Kinder ein eigenes Interesse am Medium und seinen Inhalten haben. Noch spannender wird es natürlich, wenn Kinder lesen und schreiben können, denn diese Fähigkeiten werden für die meisten Aktivitäten im Netz benötigt. Dabei empfehlen wir immer, dass jüngere Kinder beim Erkunden des Internets nicht alleine gelassen werden. Es ist ein Irrglaube zu denken, Kinder seien, was die neuen Technologien angeht, per se kompetenter als Erwachsene. Das stimmt so nicht. Sie sind meist unkritischer und haben nicht so viele Vorbehalte, ihnen fehlt es aber meist auch an kritischer Medienkompetenz.

Eltern sollten den Kindern daher interessiert zur Seite stehen, und Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen sollten altersgerechte Surf- und Computerangebote schaffen, damit Kinder dieses multimediale "Fenster zur Welt" sicher und mit Freude nutzen können.

Ist es nicht besser, wenn Kinder zuerst Primärerfahrungen machen, d.h. mit Ihresgleichen spielen, reden, vorlesen und erzählen?

Da stellt sich doch die Frage: wie werden Primärerfahrungen erlebt? Gehören in unserer multimedial durchstrukturierten Welt Medienerfahrungen nicht längst auch zu den Primärerfahrungen dazu? Ich glaube, es ist wichtig, ganzheitlich zu denken und den Kindern vielfältige Erfahrungs- und Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Medien gehören da einfach dazu.

Sie sollen lesen, spielen, erzählen, fernsehen, surfen, am Computer spielen können. Im Idealfall tun sie das nicht alleine sondern mit anderen Kindern oder den Eltern. Dann machen sie bei der Nutzung von Medien auch wichtige Erfahrungen, die Anregungen für Primärerfahrungen geben können. Sie klicken sich durch Seiten mit spannenden Wissengebieten, stöbern nach Bastelideen, hören Musik, versenden E-Mails oder Fotos, dabei wird geredet, gerätselt, überlegt und im Anschluss werden die gemachten Erfahrungen im Tun, im Spiel weiterverarbeitet. Wichtig ist, dass Kinder nicht zuviel ihrer Lebenszeit alleine vor den Medien verbringen und das, was sie sehen, hören, lesen, auch reflektieren können.

Tatsächlich ist es so, dass von Seiten der Gesellschaft, der Politik und der pädagogischen Arbeit in Bildungseinrichtungen immer noch viel zu wenig im Bereich der Medienbildung unternommen wird. Wir müssen die medialen Veränderungen als Herausforderungen aber annehmen und in der alltäglichen Arbeit intensive Medienerziehung betreiben. Dabei darf es nicht alleine darum gehen, lediglich technisches Know-How oder Sachwissen zu vermitteln sondern auch Kritikfähigkeit zu schärfen, eine ethische Diskussion anzuregen und vieles mehr. Bildung liefert Orientierung, vermittelt kulturelle Identität.

Daher sollte die Frage vielleicht eher lauten: Wie nutzen wir die Medien? Wie gestalten sich Kinderwelten? Durch die Verbreitung von Medien hat sich die Lebenswelt von Kindern verändert. Sie verwenden einen großen Anteil ihres Lebens für die Nutzung der ihnen zur Verfügung stehenden Medien, manche sogar in bedrohlichem Ausmaß von fünf oder mehr Stunden täglich. Übermäßiger, einseitiger Medienkonsum ist problematisch, allerdings ist die Ursache selten im Medium zu suchen. Die soziale Interaktion – in der gewünschte Primärerfahrungen gemacht werden sollen – findet häufig vorher schon nicht mehr statt!

Wenn Kinder sich aus der "primären" Welt immer mehr zurückziehen und Mediennutzung zur alleinigen Beschäftigung wird, sollten Eltern schauen, woran das liegen könnte. Gibt es Probleme in der Schule oder andere Sorgen die eine einseitige Mediennutzung attraktiv werden lassen? Eltern sollten mit den Kindern sprechen, Vereinbarungen treffen, und im Zweifelsfall ein Gespräch mit Lehrer/innen, Erzieherinnen oder anderen Fachleuten suchen.

Gibt es positive Forschungsergebnisse und Studien, die den Vorteil des Internets für Kinder belegen?

Auch hier ist es ja immer die richtige Nutzung, die Vor- oder Nachteile bringt. Die Studien, die mir bekannt sind, untersuchen, was Kinder im Internet machen, z.B. die KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest.

Zudem hat das Deutsche Jugendinstitut Studien zur Internetnutzung von Kindern erstellt und sie zeigen darin auf, dass vor allem die Kinder, die bereits schreiben und lesen können, Vorteile aus der Internetnutzung ziehen. Ein echtes Kinder-Internet müsste noch mehr darauf achten, Lesehürden zu umgehen und Wissensinhalte anders, eben multimedial (Filme, Sprache) aufzubereiten. Aber auch dann gilt, dass jüngere Kinder gemeinsam mit älteren Kindern oder Erwachsenen surfen, dann haben sie eine gute Navigationshilfe, die sie unterstützt. Und das ist ja auch im Sinn einer sinnvollen Medienerziehung.

Was sind die wichtigsten Regeln für Eltern, wenn sie ihr Kind online gehen lassen?

Eltern sollten ihre Kinder auf ihren Entdeckungstouren ins Internet begleiten und, je nach Alter der Kinder, gemeinsam ein paar Regeln vereinbaren.

In jedem Fall empfiehlt es sich, eine Kinderseite als Startseite anzulegen. Dies lässt sich bei jedem Browser ganz einfach einrichten. Gute Kinderseiten finden Eltern z.B. unter www.seitenstark.de. Auch die Kindersuchmaschine www.blinde-kuh.de, oder das Portal www.internet-abc.de eignen sich als Startseite, denn die Inhalte sind überprüft und für die Kinder redaktionell aufbereitet, von dort können Kinder jeden Alters auf Entdeckungstouren gehen. Auch finden Eltern hier hilfreiche Tipps rund ums Thema Kinder und Internet!

Auch ist es möglich die Seiten, die von Kindern aufgerufen werden können, einzugrenzen. Wie das genau funktioniert, wird auf der Seite der Initiative www.klicksafe.de bestens erklärt. Auch gibt seit kurzem das Internetangebot www.fragFINN.de. Es will Kindern einen sicheren Surfraum mittels Positivlisten (auch Whitelist genannt) anbieten, also eine Sammlung von kindgerechten Internetseiten. Das Angebot geriet schon beim Start in die Kritik, etwa, weil "kindgerechte Werbung" vorgesehen ist und wegen leicht zu umgehender Seitensperren. Also auch hier kritisch bleiben! Informativ und hilfreich für Eltern ist die Initiative "Ein Netz für Kinder" (www.ein-netz-fuer-kinder.de), die Adresse sollten Eltern sich einfach mal notieren.

Wichtig ist auch den Kindern klar zu machen, dass es auch im Internet immer mal Seiten geben kann, die nicht für sie gedacht sind. Eltern sollten Kinder darin bestärken, solche Seiten wegzuklicken und Bescheid zu geben, sobald sie etwas Seltsames entdecken. Es ist ebenfalls sehr wichtig, dass Kinder keine Daten von sich preisgeben. Zudem ist es sinnvoll, wenn der Computer nicht im Kinderzimmer steht, sondern einen Platz in der Wohnung hat, der einsehbar und in Rufweite ist, so können Kinder schnell mal nachfragen, wenn sie Hilfe benötigen!

Und es müssen Absprachen getroffen werden, wann und wie der Computer genutzt werden kann. Der PC im Kinderzimmer wird gerne schnell auch mal gegen Langeweile eingeschaltet, dabei ist es wichtig, dass Kinder sich auch mal langweilen und herumhängen. Sie sollen auch nach Alternativen suchen, um sich zu beschäftigen und nicht sofort den Computer, den Fernseher oder die Spielkonsole anstellen.

Und ganz wichtig: Eltern sollten auch Beschwerden einreichen, wenn sie oder die Kinder auf Inhalte stoßen, die ihnen bedenklich vorkommen. Wenden kann man sich z.B. an www.jugendschutz.net. Diese Institution kontrolliert das Internet und sorgt für die Einhaltung des Jugendschutzes.

In jedem Fall soll Zeit sein, über die Internet-Erlebnisse, die das Kind macht, gemeinsam zu sprechen und zu reflektieren. So bleiben Eltern auf dem Laufenden, was im Netz und im Leben des Kindes angesagt ist und bleiben eine gute Anlaufstation.

Als Lesetipp will ich noch nennen: Ein Netz für Kinder - Surfen ohne Risiko?. Diesen Leitfaden hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) erstellt. Damit sollen Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung rund um die Medien gestärkt werden. De Broschüre ist kostenlos zu bestellen oder herunterzuladen unter www.bmfsfj.de

Sollten Chatrooms für Kinder nicht tabu sein?

Es gibt schon für Kinder Chaträume, die sicher sind, und in denen Kinder ohne Bedenken "schwatzen" können, insofern müssen sie nicht tabu sein. Diese Chats sind kindgerecht gestaltet, haben ModeratorInnen, die aufpassen, dass im Chat alles entsprechend der Chatiquette läuft. Auch gibt es einen Notfall-Button, um eben diese ModeratorInnen zu kontaktieren. Außerdem müssen sich alle, die den Chat nutzen wollen, registrieren lassen und so kann dem Missbrauch recht gut vorgebeugt werden!

Aber, auch hier gilt. Die Kinder müssen lernen, wie ein Chat funktioniert, sie müssen wissen, im Chat ist nicht unbedingt alles so, wie es zunächst scheint. Denn wer sich tatsächlich hinter einem Spitznamen verbirgt, das weiß man nicht. Also, die Grundregeln des Chats sollten Kinder klar sein, sie sollten immer ein wenig Misstrauen mitbringen, nicht alles glauben. Sie dürfen keinesfalls persönliche Daten preisgeben und sollten ohne Zögern das "Gespräch" beenden, wenn es ihnen unangenehm wird. Auch muss klar sein, dass sie sich niemals allein mit Chatbekanntschaften treffen dürfen. Und auch hier müssen Regeln abgesprochen werden, wie lange am Tag gechattet werden darf, schließlich gibt's im Leben noch anderes zu tun und viel Spannendes zu erleben! Auf den Seiten www.chatten-ohne-risiko.de können sich Eltern vielfältige Informationen zum Thema holen!

Wie weit hat sich das Internet ihrer Ansicht nach bislang entwickelt, um Kindern gute Angebote zu machen, die sie weiterbringen?

Die Angebote für Kinder sind inzwischen vielfältig: Spannung, Spiel, Wissenswertes, Kontaktmöglichkeiten, Partizipation. Erwachsene sollten Kindern diese Möglichkeiten sich auch im Netz zu bilden, zu kommunizieren und Spaß zu haben, eröffnen. Aber wirklich gewinnbringend können Kinder sich diese Inhalte nur erschließen, wenn wir ihnen zeigen, wie sie sich im Netz zurecht finden. Studien belegen, dass oftmals Kinder aus bildungsfernen Schichten, das Netz wenig kompetent und somit kaum für die eigene Bildung nutzen.

Wir müssen uns bewusst machen, dass es unmöglich ist, das Internet für Kinder absolut sicher zu machen. Wie das Leben selbst ist es einfach immer auch mit Gefahren verbunden. Wir müssen als Gesellschaft unser Engagement darauf hin ausrichten, die vielfältigen Erziehungsaufgaben, die durch die sich ständig im Wandel befindenden Medienwelten gestellt werden, gemeinsam wahrzunehmen. Es ist zwingend erforderlich, Modelle zu entwickeln und umzusetzen, um eine flächendeckende und effektive Medienbildungsarbeit leisten zu können. Geschieht das nicht, werden immer mehr Eltern und Kinder nicht mehr in der Lage sein, den Anforderungen einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden, da ihnen Schüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Medienkompetenz fehlen.

Zur Person: Sabine Eder (42) ist Geschäftsführerin und Referentin des Vereins für Medien- und Kulturpädagogik "Blickwechsel. Die Dipl. Pädagogin (Uni Göttingen) aus Hameln hat zahlreiche Fachbücher über Erziehung geschrieben, darunter "Methoden der medienpädagogischen Elternarbeit".

Regeln für Eltern: Begleiten, verabreden, vereinbaren

• Begleiten Sie Ihr Kind beim Surfen. Dies bedeutet nicht, dass Sie es stetig beaufsichtigen oder kontrollieren müssen. In Rufweite zu sein genügt, um Hilfestellung geben zu können. Kinder, die noch nicht richtig lesen undschreiben können, sollten nicht allein ins Internet gehen.

• Verabreden Sie mit Ihrem Kind, dass es Ihnen die Dinge im Internet zeigt, die ihm unbehaglich sind oder Angst machen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über gute und schlechte Seiten im Netz.

• Vereinbaren Sie Surf-Zeiten. Erklären Sie Ihrem Kind, dass das Surfen Geld kostet und es deshalb sparsam damit umgehen sollte.

• Installieren Sie eine kindgerechte Startseite und möglichst Schutzsoftware entsprechend der Altersgruppe.

Von Ullrich Riedler